Heldenhaft im Alltag

Wir leben in einer Zeit des Übergangs und der Formlosigkeit. Es scheint, dass sämtliche Maßstäbe, Regeln und Wertekanons über Bord gefallen sind. Gibt es dennoch Dinge aus der Vergangenheit, die lohnen, aufbewahrt zu werden? Ja, es gibt sie. Alexander von Schönburg hat es in seinem jüngsten Buch auf Verhaltensweisen abgesehen, die er eben nicht für antiquiert hält, sondern gerade für die heutige Kultur höchst erstrebenswert ansieht.
Für den Familienvater, Journalisten und Schriftsteller sind Zucht, Maß, Gehorsam oder auch Keuschheut nicht aus der Mode gekommen. Manche mögen über diese Reizworte stolpern, aber dann sei die Intention des Buches gelungen. Von Schönburg möchte zum Nachdenken anregen und dazu gibt er viel Stoff.
Bevor er sich jeder der 27 Tugenden ausführlich widmet, gibt von Schönburg eine kurze Einführung, wie sich edles Verhalten und noble Geisteshaltungen im Laufe der Geschichte entwickelt haben. Vieles mag sich durch die Ritter des Mittelalters zivilisiert haben – eben durch Ritterlichkeit wurden grobschlächtige Umgangsformen gemieden, begann man „der niederen und kleinherzigen und rohen Instinkte im Menschen Herr zu werden“. Selbst Mitglied des Hochadels stellt er mit Bestimmtheit fest, dass Adel aber nichts mit Geburt zu tun habe, sondern vielmehr mit Kultur, die man sich aneignen könne – oder eben nicht (S. 14).
Die Darstellung der Tugenden erfolgt bewusst in der Perspektive des gelingenden Lebens – also in der Tradition eines Aristoteles und Thomas von Aquin – aber er belässt es nicht bei einer rein scholastischen Erklärung der Lebensweisheiten. Viele praktische Beispiele entnimmt er seinem reichen gesellschaftlichen Umgang und speist hin und wieder seine Ausführungen aus seinem weiten literarischen Horizont.
Bei der Klugheit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit oder dem Fleiß geht es um große und hehre Ideale, die jedoch von unvollkommenen Menschen erstrebt werden. Deshalb hilft hier eine gewisse Lockerheit oder Lässigkeit im Angang, wissend, dass die Perfektion einer jeden Tugend nicht hier auf Erden wird erreicht werden können.

Wie man diese Lockerheit im stressigen Alltag bewahren kann, verrät er im Kapitel „Coolness“ – hier ein Zitat, das Lust auf mehr machen soll:
„Die Synthese von Coolness und Kindness ist die Ritterlichkeit, weil sie die Ideale der Stärke und Wehrhaftigkeit alter Sagen und der antiken ,Herrengesellschaft‘ mit der Kindness, der Mildtätigkeit und Barmherzigkeit des christlichen Mittelalters verbindet. Diese dreifache Fusion war zugleich der Zündfunken der uns bis heute prägenden europäischen Kultur. Wir verraten diese Kultur, wenn wir den heute vorherrschenden europäischen Geist, der sich längst vom Christentum verabschiedet hat, aber bis ins Mark von dessen altruistischen Idealen geprägt ist, so deuten, dass wir Schwäche als Tugend sehen. Unsere Gesellschaft hat ja ihr eigenes Scheitern schon hingenommen, und darin schlummert ein Opfergeist, der völlig unritterlich und damit auch unchristlich ist. (…) Wir sind abgedriftet.“ (S. 275)

Der Stil des Buches ist geprägt von Leichtigkeit und Eleganz und hilft dem Leser dabei, die am Ende jedes Kapitels vorgeschlagenen Fragen „Was geht’s mich an?“ an sich heran zu lassen. Graphisch ansprechend werden aktuelle Fragen guten Benehmens eingeblendet, etwa wie man mit ungeliebten Geschenken umzugehen hat, oder aber wie man nach dem gewissen Örtchen fragt oder ob es sich schickt, sich mit den abgelegten Partnern seiner Freunde zu verabreden…
Eine gewinnbringende und zugleich unterhaltende Lektüre!

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Halb Mensch, halb Affe

Udo lässt die Fachwelt der Evolutionsforschung aufhorchen: Seine Überreste sind fast zwölf Millionen Jahre alt und haben den Namen „Danuvius guggenmosi“ erhalten. Seinen Spitznamen „Udo“ bekam das Fossil, weil es am 70. Geburtstag von Udo Lindenberg gefunden wurde.
Prof. Dr. Madelaine Böhme von der Universität Tübingen und dem „Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment“ hat die 2016 im Ostallgäu entdeckten Überreste eines Menschenaffen intensiv studiert und nun die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Die große Neuigkeit: bislang galt der aufrechte Gang als typisches Merkmal des Homo sapiens – also des Menschen. Den jüngsten Fossilfunden zufolge muss dies aber schon für den Danuvius, einen Menschenaffen, angenommen werden. Wäre es schlimm, wenn der letzte Vorfahre des Menschen aus Bayern käme?

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Bei Gott zuhause

So könnte man sich die Situation des Menschen im Paradies bis zum Sündenfall vorstellen. Wie lange war er in diesem glücklichen Zustand? Wenn es nach dem spanischen Priester und Kirchenrechtler Cesar Martinez geht, dauerte dieses innige Miteinander von Gott und Mensch schon eine Weile… bis der Sündenfall alles durcheinanderbrachte.
Seit einiger Zeit begleitet Martinez mit seinen Glaubenskursen in der Kölner Pfarrkirche St. Pantaleon viele Menschen auf ihrem Lebensweg. Mit Fragen, etwa was wohl Gott bis zur Erschaffung von Himmel und Erde getan haben mag oder ob unsere Stammeltern wussten, dass sie durch ihre Entscheidung gegen Gott ihre Nachkommenschaft mit ins Boot der Emanzipation gegen Gott nehmen würden, dringt er bis zum innersten Kern des christlichen Glaubens vor. In den acht Kapiteln der vorliegenden Kleinschrift legt er die Grundlagen der katholischen Heilslehre dar. Dabei spannt er einen weiten Bogen vom intensiven „Liebesleben“ der heiligsten Dreifaltigkeit über deren Hinwendung zum Menschen durch die Schöpfung und Erlösung des Menschen. Es ist im Grunde eine auf wenige Seiten beschränkte ansprechende Kurzdarstellung der christlichen Anthropologie.

Martinez tut dies nicht professoral abgehoben, vielmehr mit treffenden Vergleichen und in einer Sprache, die auch Nicht- oder Noch-Nicht-Christen nachvollziehen können. Es geht ja im Letzten um eine Schatzsuche: Perlen des Glaubens zu finden, d.h. wertvolle Einsichten, die für das eigene Leben bestimmend werden. Hin und wieder lässt es sich der Autor nicht nehmen, aus seiner reichen pastoralen Erfahrung in Sachen Ehe und Familie wertvolle Tipps weiter zu geben.

Lesens- und empfehlenswert für alle, die auch mit Einführungskursen in den christlichen Glauben zu tun haben.

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Türhüterin des Selbst

Der Mensch in seinem Urzustand hatte etwas Besonderes. Im Schöpfungsbericht der Bibel wird erwähnt, dass „beide, der Mensch und seine Frau, nackt waren, aber sich nicht voreinander schämten“ (Gen 2, 25). Erst nach dem Sündenfall, „gingen ihnen die Augen auf“ – sie schämten sich voreinander und begannen sich zu bekleiden… was war passiert?
Mit wenigen Worten beschreibt dieser Text die ursprüngliche innere Situation des Menschen, die ihn keine Scham beim Anblick des nackten Daseins des anderen Menschen gegenüber empfinden ließ. Der Hl. Johannes Paul II. hatte in der von ihm begründeteten Theologie des Leibes den anthropologischen Sinn dieser ursprünglichen Erfahrung der Schamlosigkeit und der Scham theologisch reflektiert. Auch der Züricher Psychiater Daniel Hell geht dem Phänomen der Scham von seinen vielfältigen medizinischen und sozialen Aspekten her auf den Grund.

Scham ist ein zutiefst menschliches Phänomen. Es ist ein beziehungsorientiertes Selbstgefühl, das nach einer Stellungsnahme verlangt. Genau hier setzt die umfangreiche Analyse des emeritierten Klinikdirektors und Autors Hell an. Jeder Mensch – nicht nur der auf psychiatrische Hilfe Angewiesene – tut gut daran, die Gefühle von Scham zu reflektieren und zu verarbeiten. Alle kennen wir Situationen wie „voll peinlich“, etwa bei beruflichen Unsicherheiten oder Inkompetenzen, Fettnäpfen, die betreten wurden… aber auch unterschwellige Wahrnehmungen von Missachtung, Ausgrenzung oder Bloßstellungen, die vielleicht zunächst verdrängt wurden, sich aber immer wieder „melden“.

Quelle: Universität Luzern

Hell erklärt anhand vieler konkreter Beispiele seiner umfangreichen klinischen Praxis, wie negative Erfahrungen in der sozialen Entwicklung des Menschen sich auf den Umgang mit Scham auswirken können. Stets wird in diesen Momenten des Schamempfindens die eigene Begrenztheit oder Verletzlichkeit gespürt, möglicherweise auch eine fehlende Kohärenz des eigenen Verhaltens wahrgenommen und schließlich die eigene Identität hinterfragt. Der vor allem im 8. Kapitel sehr gut dargestellte konstruktive Umgang mit den Gefühlen von Scham und Kränkung – Hell weist ausdrücklich auf den Unterschied hin – führt zu einem reifen Umgang mit eigenen Schamgefühlen und fördert die Fähigkeit Identitätskrisen zu meistern.

Das Buch besitzt eine klare Gliederung und kann kapitelweise studiert werden. Der Autor hat die ursprüngliche Hardcover-Ausgabe umfangreich überarbeitet und damit einen wertvollen Ratgeber nicht nur für Psychologen und Psychiater verfasst.
Hier eine kleine Leseprobe von S. 168:

„Im Alltag stellt sich deshalb immer wieder die Frage, worauf meine Scham, die ich erlebe, hinweist. Schäme ich mich zum Beispiel meiner Herkunft, meiner Religion, meiner Schulbildung, meiner Altershaut, meiner Homosexualität usw. – also weil ich sozialen Wertvorstellungen nicht entspreche? Oder schäme ich mich, weil ich gelogen, jemanden beschämt oder nicht zu meinen Überzeugungen usw. gestanden habe – also weil ich nicht ethisch oder mutig gehandelt habe? In beiden Fällen zeigt mir Scham eine Problematik auf. Aber die Lösung der beiden Problembereiche ist grundverschieden. Während ich im ersten Fall – der sozialen Scham – darum bemüht sein muss, mich nicht durch Überanpassung selbst zu verleugnen, gilt es im zweiten Fall – der persönlichen Scham – mich der inneren Wahrheit vermehrt zu stellen und, wenn ich Schaden angerichtet habe, ihn möglichst wiedergutzumachen.“

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Wert gemeinsamer Mahlzeiten

Kinder aus Familien mit gemeinsamen Mahlzeiten leben tendenziell gesünder. Woran mag das liegen? Ein Artikel der Süddeutschen Zeitung gab hierüber Auskunft:
Um hier einen möglichen Zusammenhang herauszufinden, haben Psychologen vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und der Universität Mannheim 50 Studien mit insgesamt mehr als 29 000 Probanden ausgewertet. Es konnte sechs Faktoren gefunden, die für einen positiven Effekt gemeinsamer Mahlzeiten standen:

  1. Zeit nehmen für die Mahlzeiten;
  2. Eine positive Atmosphäre bei Tisch schaffen;
  3. Gesunde Ernährung der Eltern färbt auf die Kinder ab;
  4. qualitativ hochwertige Kost;
  5. Mahlzeiten ohne laufenden Fernseher und
  6. gemeinsames Kochen.

Interessant ist auch die Folgerung der Wissenschaftler, dass der Familienzusammenhalt entscheidend für die Gesundheit der Kinder sei.

pdf Artikel SZ Familienmahlzeiten

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Extrem liebesfähig

Mitte September 2019 wurde vom gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) ein nicht-invasiver Bluttest auf Trisomie 21 schrittweise zur Kassenleistung zugelassen. Der sogenannte PraenaTest der Firma Lifecodexx soll mit 99 prozentiger Sicherheit das überzählige Chromosom 21 vorhersagen können. Während der letzten drei Jahre wurde im Auftrag des G-BA ein Bewertungsverfahren dieses Test durchgeführt, welcher von einer heftigen und kontroversen gesellschaftlichen Diskussion begleitet wurde.
Wo die Einführung dieses einfach durchzuführenden Tests auf Down-Syndrom hinführen könnte, mag ein Gedicht von Andreas Peters veranschaulichen:

2030

wir schreiben das Jahr 2000. es macht mir angst, kein mongölchen in unsrem kindergarten eingeschrieben. millenium jahr 2010. mir ist bange: ich habe im

schwimmbad keinen einzigen down-syndrom getroffen. 2020. angst & bange: ich haben den ganzen tag in kopenhagen kein down-kind zu gesicht

bekommen. 2030. keine angst & keine bange: das letzte hässliche entlein ist geboren. dänemark ist einem UN-bericht zufolge das glücklichste land

der welt. kein aufstand der plebejer, patrizier, der alten, jungen. kein erdbeben erschüttert das land. nur 2 leichen drechen sich im grabe um, die

von sören und die von hans christian. das trübt aber das glück des landes nicht.

Der Autor des Buches „Orchester der Hoffnung“ hat Theologie und Philosophie studiert und arbeitet als Intensivpfleger und Seelsorger auf einer Leukämie-Station in Gießen. Peters ist zudem Vater eines Kindes mit Down-Syndrom.
Mit seinen Liedern und Gedichten möchte er die Überzeugung verbreiten, dass jeder Mensch vor Gott gleich wertvoll und liebenswürdig ist. Die Texte sind mit vielen Aufnahmen von Kindern und jungen Erwachsenen mit Down-Syndrom bereichert. Wer mit diesen fröhlichen Menschen je zu tun hatte, weiß, wie extrem liebesfähig sie sind und welche Bereicherung – bei allen Schwierigkeiten – sie für eine Familie sein können.

Ein bewegendes Buch, das hoffentlich viele Menschen erreicht, damit man nicht auch in naher Zukunft von Deutschland sagen muss, es würden sich „Leichen im Grabe umdrehen“…

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Abtreibung kann nicht die Lösung sein

Hier ein Kurzfilm über die inneren Kämpfe einer werdenden Mutter:

Was steckt hinter diesem berührenden Film?

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