Eine heitere Natur mit unschlagbarem Sinn für Komik

Dieser Tage wäre Isa Vermehren 100 Jahre alt geworden. Tatsächlich hat die Sacré-Coeur-Schwester 2009 noch in Bonn-Pützchen ihren 91. Geburtstag feiern dürfen. Vielen Menschen ist sie durch ihre Reise durch den letzten Akt bekannt geworden, einem Werk, in dem sie ihre Erlebnisse der Nazi-Zeit verarbeitet hat. Noch vor dem zweiten Weltkrieg konvertierte sie zum katholischen Glauben und bat 1951 um Aufnahme in die Gesellschaft vom heiligsten Herzen Jesu.
Zu ihrem Zentenarium ist eine Sammlung von Tagebuch-Aufzeichnungen erschienen, die Helga Böse herausgegeben hat. Sie umfassen ihre gesamte Zeit als Ordensfrau von 1950 an bis zu ihrem Tod 2009. In sechs Etappen gegliedert, sind die Auszüge aus ihren Tagebüchern mehr als ein Einblick in ihr profundes Innenleben und die Reflexion des bewegten kirchlichen Lebens vor und nach dem II. Vatikanischen Konzil.
Die durch die Konversion gefundene Geborgenheit in der katholischen Kirche und in ihrem Orden wurden durch die Entwicklungen nach dem Konzil tief erschüttert. Als Schulleiterin zuerst in Pützchen und später in Hamburg hat sie die Neugestaltung des Ordenslebens zwar aktiv mitgestaltet, konnte aber den Spaltungstendenzen letztlich nicht entgegenwirken. Ihre vor allem in Exerzitien entstandenen Niederschriften machen deutlich, wie sehr sie sich mit der Neuordnung des klösterlichen Lebens aber auch mit den offensichtlichen Defiziten der Wohlstandsgesellschaft (vor allem dem Individualismus) auseinandersetzte. Sie litt unter dem desolaten Zustand von Kirche und Ordensgemeinschaften und sorgte sich vor allem um die Glaubensbildung junger Menschen. So schreibt sie etwas am 6.7.1981:
„Der junge Christ muss eingeführt werden in die Welt, die von der Sünde gekennzeichnet ist, nicht in die des mittelalterlichen ordo und was von ihm rudimentär noch vorhanden ist. Eine ganz neue Katechese ist nötig, denn die Zeit des klassischen Humanismus geht zu Ende, ebenso damit die der Aufklärung. Wir brauchen Propheten, die auf das eigentliche Entweder-oder hinweisen. In seiner letzten Enzyklika ‚Dives in misericordia‘ schlägt der Heilige Vater (Johannes Paul II.) solche Töne an.“ (S. 319).
Vermehren hat nie ihre Ordenstracht abgelegt und ist der alten Ordenstradition stets treu geblieben. Zusammen mit einigen gleichgesinnten Schwestern konnte sie nach ihrer Pensionierung in Bonn in der Schumanstraße ein eigenes Haus gründen.
Ihre Gedanken sind vor allem für die Konzilsgeschichte eine große Erhellung. Aber nicht nur kirchenhistorisch Interessierte können in diesen Aufzeichnungen neue Einblicke gewinnen. Vor allem Menschen, die sich um ein tiefes religiöses Leben bemühen, mögen gerade bei Exerzitien vom reichen spirituellen Leben Vermehrens zehren und neue Impulse für die eigene Gottesbeziehung finden.
Der wache Blick dieser großen Ordensfrau auf ihre Umwelt gepaart mit dem scharfen Unterscheidungsvermögen können auch in der heutigen bewegten Kirchenlandschaft zur Orientierung beitragen.

Hier ein O-Ton der lebensfrohen Ordensfrau im Wort zum Sonntag über die guten und bösen Zungen – und als frühere Kabarettistin:

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Jeder ist zur Heiligkeit berufen…

… dies ist das zentrale Thema des jüngsten päpstlichen Schreibens Gaudete et Exultate.

Die dritte Apostolische Exhortation nach Evangelii Gaudium und Amoris Laetitia beinhaltet 5 Kapitel auf 98 Seiten und kann als eine Art praktischen Handbuchs gelesen werden, wie man in den Umständen des gewöhnlichen Lebens zur Heiligkeit gelangen kann.
Der Vatikan hat eigens ein Kurzvideo prodzuziert, um die wichtigsten Themen des neuen Papstschreibens vorzustellen:

Link zum Papstschreiben

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Auf dem Stuhl Petri in Zeiten des Umbruchs

Der Glanz des römischen Imperiums verblasst immer mehr. Die Kaiser regieren seit dem 4. Jahrhundert nicht mehr in Rom sondern in Konstantinopel. Rom wird immer mehr von nordischen Völkern bedrängt und Seuchen und Hungersnöte lassen die Einwohnerzahl stark schrumpfen. In diese bewegte Zeit wird Gregor der Große geboren. Er entstammt einem römischen Adelsgeschlecht und wird in jungen Jahren schon zum Stadtpräfekten. Jahre später sollen ihm diese Erfahrungen in Verwaltung und Diplomatie  für sein Amt als Stellvertreter Christi zugute kommen. Gegen seinen Willen wählt ihn das Volk im Jahr 590 zum Papst.
Der große Kirchenvater hatte die Autorin bei einem Besuch in der ewigen Stadt fasziniert und ließ sie nicht mehr los. Sigrid Grabner beschreibt das beeindruckende Leben Gregors des Großen aus nächster Nähe. Hat sie doch alle seine Werke intensiv studiert und lange genug in Rom gelebt, um die Orte, an denen er gewirkt hat, aus eigener Anschauung zu kennen. Oft zitiert Grabner aus Gregors Werken, der nicht nur ein geschickter Regent im Lateran war, sondern vor allem ein Seelsorger, dem das Seelenheil der ihm anvertrauten Christenheit am Herzen lag. So hat der Leser stets Anteil an seinen geistlichen Überlegungen, womit auch das eigene Leben hinterfragt werden kann.
Besondere Liebe zeigt die Autorin für Gregors Dialoge, einer Sammlung von Heiligenlegenden, die Gregor zur katechetischen Unterweisung des Volkes verfasst hatte. Darin enthalten ist auch eine Biographie Benedikts von Nursia, den Gregor als Kind noch kennen gelernt hatte (vgl. S.259).
Der Epilog ist mehr als eine Würdigung der Person Gregors, der über Jahrhunderte hinweg in Vergessenheit geraten war. Nach Ansicht der Schriftstellerin aus Potsdam hatte Gregor mit seiner klugen und weitsichtigen Amtsführung zu Beginn des Mittelalters schon die geistigen Fundamente des späteren Europas gelegt. Grabner sieht auch unsere Zeit als eine Zeit des geistig-kulturellen Umbruchs wie die Gregors des Großen. Mit großem Respekt und Wertschätzung blickt sie auf die heutigen Nachfolger im Petrusamt, die wie Gregor selbstlos und heiligmäßig das Schiff der Kirche gegen die Stürme der Zeit sicher lenken.
Eine sowohl historisch wie geistlich bereichernde Lektüre, die jedem empfohlen sei, der sich der Geschichte der Christenheit von der spirituellen Seite nähern möchte.

Die Autorin im O-Ton über ihren Weg zum Glauben:

PAPST BENEDIKT XVI._Audienz Gregor Gr.

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Innerlich auftanken…

kann man bei Exerzitien, während eines Spaziergangs in der Natur, … oder auch durch Vorträge, „lautes Beten“ erfahrener Seelenführer. Einer von ihnen ist irische Priester, Father Justin Gillespie. Für alle, die lange Wege zur Arbeit zurücklegen und dabei online sind, kann diese Fundgrube von Audio-Talks eine große Bereicherung sein:

Spiritual batteries gibt es auch als kostenlose App mit mittlerweile 68 Betrachtungen auf englisch.

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Stephen Hawking: Würdigung eines Mitstudenten und Kollegen

Der Tod des brillianten Astrophysikers Stephen Hawking bewegt die wissenschaftliche Welt. Noch als Student erkrante Hawking 1963 an amytropher Lateralsklerose. Schon bald war er an den Rollstuhl gefesselt und konnte sich nur noch mittels eines Sprachcomupters verständigen. Und dennoch: entgegen aller Vorhersagen einer geringen Lebenserwartung hat er eine glänzende Forscherkarriere gemacht und mit seinen Ergebnissen der Kosmologie neue Horizonte eröffnet.
Man mag mit seiner Weltsicht einverstanden sein oder auch nicht. Der Nachwelt hat er ein Beispiel an Willenskraft und Lebensmut hinterlassen. Mag der Körper eines Menschen auch noch so gebrechlich sein, die ihn bewegende Seele ist nicht behindert!
Ich möchte hier den Nachruf eines seiner Kommilitonen und späteren Kollegen an der Universität Cambridge, Prof. Martin Rees, teilen, der das Leben Stephan Hawking würdigt.

pdf Nachruf Hawking

Schon 2014 wurde das Leben Stephan Hawkings vom englischen Regisseur James Marsh auf die Leinwand gebracht:

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Vereint in der Hoffnung

Die Flüchtlingsströme aus Syrien reißen nicht ab. Kriegerische Auseinandersetzungen aktuell um die Städte Ost-Ghouta und Afrin nötigen zehntausende Menschen zu fliehen. Werden sie alle ein sicheres Zielland erreichen? Das wissen wir nicht. Wir hoffen es und beten dafür.

Raum 211 einer deutschen Erstaufnahmeeinrichtung ist der Ort zahlreicher zufälliger Begegnungen. Ekaterine ist selbst Asylsuchende und hält die vielen erschütternden Schilderungen der Flucht vor Krieg, Hunger, Verfolgung, Vergewaltigung … fest. Auf engstem Raum treffen die unterschiedlichsten Kulturen, sei es aus Afrika, einem arabischen oder russischen Herkunftsland aufeinander. Völlig übermüdete Frauen, teils alleinstehend oder gemeinsam mit ihren Kindern, berichten über die gerade durchgemachten Odysseen. Manchmal sind sie wie durch ein Wunder dem Tod entwichen, manchmal so gezeichnet vom Tod naher Angehöriger, dass Worte ihr Leid nicht mehr beschreiben können. Mit wenigen Habseligkeiten erreichen die Menschen das Erstaufnahmelager, wo sie für einige Zeit bleiben, bis sie einen „Transfer“ erhalten, d.h. in eine weitere Einrichtung verlegt werden, wo die Asylanträge bearbeitet werden.
Die Autorin besitzt die Gabe, die so unterschiedlichen Schicksale kurzweilig zu erzählen. Der Leser erfährt von den tragischen Momenten jeder einzelnen Flucht, wo Freude und Leid eng beieinander liegen, und menschliche Größe wie auch höchste Brutalität nicht unerwähnt bleiben. Ekaterine bestärkt ihre Mitbewohnerinnen darin, ihre eigene Würde zu bewahren und den neuen Lebensabschnitt, der vor ihnen liegt, mutig anzupacken.

Prinz Asserate hatte die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe der Massenflucht aus Afrika beschrieben und bewertet… Navid Kermani vor einiger Zeit Flüchtlinge auf der Balkanroute begleitet… und nun mag dieses wertvolle Buch, im wahrsten Sinne des Wortes Außenstehenden die Augen öffnen für eine Realität, die es nicht selten in nächster Nachbarschaft gibt, zu der aber nur die wenigsten einen Zugang haben.

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Pastorale Hilfe auf dem Boden der Wahrheit

Konfessionsverschiedene Ehepartner können nicht beide in der katholischen Kirche zur Kommunion gehen. Dies liegt  am grundlegend unterschiedlichen Sakramentenverständnis der katholischen und evangelischen Glaubenslehre. Ist dieser Unterschied unüberwindbar?
Seit einiger Zeit arbeiten die Ökumene– und die Glaubenskommission der deutschen Bischofskonferenz an einem Dokument, das Seelsorgern Hilfestellung geben möchte, „um im seelsorglichen Gespräch die konkrete Situation anzuschauen und zu einer verantwortbaren Entscheidung über die Möglichkeit des Kommunionempfangs des nichtkatholischen Partners zu kommen“, so die Pressemitteilung.

Während noch an der Formulierung des Dokuments gearbeitet wird, hat Kardinal Müller unlängst in einem Interview gegenüber der Tagespost diesbezüglich klargestellt, dass die katholische Kirche über die Sakramente keine Verfügungsgewalt besitze. Man könne auch die pastorale Praxis nicht von der kirchlichen Lehre abkoppeln. Es sei auch genau zu prüfen, inwieweit der evangelische Ehepartner den katholischen Eucharistieglauben bejahe und eine „schwere geistliche Notlage“ erleide, eben weil er oder sie nicht zum Tisch des Herrn zugelassen werde. Wäre dann nicht eine Konversion zum katholischen Glauben angebracht? Da es nur eine Wahrheit gebe, wäre dies, so Müller, der konsequentere Schritt und eigentlich der Normalfall.
Man darf den Seelsorgern ein offenes Ohr für die Eingebungen des heiligen Geistes wünschen, um durch ihre pastorale Arbeit zum Seelenfrieden der Gläubigen beitragen zu können.

pdf Interview mit Kardinal Müller

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