Die Dynamik der Natur im „Post-Neodarwinismus“

Schon die ersten Naturphilosophen der Antike stritten um das rechte Verständnis der Natur: ist sie reine Bewegung wie Heraklit annahm? Oder das in sich ruhende Seiende wie Parmenides dachte? Die Wirklichkeit hat von beiden Annahmen etwas: offensichtlich unterliegt alles einem ständigen Wandel, doch liegt diesem ein bleibendes Subrat zugrunde.
Der emeritierte Münchener Philosoph, Karl-Heinz Nusser, hat ein breit angelegtes Werk über das Wesen des Lebendigen verfasst. Ausgehend von der teleologischen Naturbetrachtung des Aristoteles beginnt er das heute durch die darwinische Evolutionstheorie geprägte Weltbild systematisch zu hinterfragen. Der rote Faden, der sich durch das Lehrbuch der Naturphilosophie zieht, könnte mit folgender Frage beschrieben werden: Was treibt die Entwicklung voran? Reichen die Gesetze der Physik und Chemie aus, um das Wesen des Lebendigen zu erklären?

Die Antwort, die Nusser im Laufe seiner komplexen Erörterungen gibt, ist eine klare Absage an den modernen Naturalismus, der sich etwa im Neodarwinismus zeigt, oder deutlicher in der globalen vereinheitlichten Evolutionstheorie, mit der die Welt als ganze rein mechanistisch erklärt werden soll. Nusser schließt sich der These Thomas Nagels an, dass die Phyisk unzureichend ist, das Geistige im Menschen zu erklären. Da Nusser stets auf die aristotelische Metaphysik zurückgreift, verwundert es etwas, dass er, wo er schon zwischen Mikro- und Makroevolution unterscheidet, nicht den Bogen schlägt, mit dem Handwerkszeug der traditionellen Philosophie – mit akzidentellem und substantiellem Wandel – zu argumentieren.
Bis heute gibt es keine zufriedenstellende Antwort vonseiten der Naturwissenschaft auf die Frage nach dem Lebendigen. Das was ein Lebewesen lebendig macht, oder aber als Form einer Sache zugrunde liegt, entzieht sich dem Blick des empirischen Forschers. Deshalb ist es so hilfreich, wenn Philosophen wie Nusser die aristotelische Begrifflichkeit zur Erklärung des Lebendigen in den Dialog mit den Naturwissenschaften wieder ins Gespräch bringt. Die folgende Graphik fasst einige der ungelösten Fragen zusammen:

Das Buch ist sicherlich keine leichte Kost. Man muss sich durch die umfangreiche und dichte Auseinandersetzung mit allen namhaften Wissenschafltern durcharbeiten. Nussers geistige Größe zeigt sich vor allem darin, dass er alle Theorien zu Entstehung und Entfaltung des Lebens zunächst ausführlich zu Wort kommen lässt, bevor er sie ideologisch einordnet. Zu Beginn des Buches gibt der Autor zur besseren Orientierung ausführliche Inhaltsangaben jedes Kapitels, die so auch unabhängig voneinander studiert werden können.

Doch lohnt sich die Mühe einer aufmerksamen Lektüre, denn hier gibt es ein aktuelles „Update“ was die philosophische Auseinandersetzung mit der Herkunft des Lebendigen anbetrifft. Eine sicherlich wertvolle Referenz für künftige Arbeiten zu diesem Thema.

Hier eine weitere Rezension des Werkes von Christoph Böhr.

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter Philosophie, Sachbücher | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Schlüssel zum Leben

Während des letzten Weltjugendtages wurde in Panama eine neue Bioethik-App vorgestellt:

Das online-Handbuch beantwortet Fragen zu bioethischen Themen und wurde vom Vatikan erstellt. Es richtet sich vor allem an Jugendliche, die sich die wichtigsten Lebensfragen stellen: Ist der Embryo nur ein Zellhaufen? Ist künstliche Befruchtung die einzigste Alternative zur Sterilität? Was versteht man unter Sterben in Würde?
Diese und viele andere Fragen beantwortet das Smartphone-taugliche Lexikon. Derzeit ist es in drei Sprachen verfügbar: Englisch, Italienisch und Spanisch. Es entstand unter Mitwirkung der französichen Jerome-Lejeune-Stiftung.

Veröffentlicht unter Apps, Bioethik, Lebensfragen, Medizin | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Wie geht es der Kirche?

Unruhige Zeiten gab es schon in den ersten Jahrhunterten des Christentums. Damals wie heute brauchen die Gläubigen sichere Orientierungspunkte.
Andreas Wollbold schlägt in der letzten Ausgabe der Tagespost 7 Regeln vor, damit  – wer noch glaubt – nicht vom Wege abkommt. Vor allem fokussiert der Münchener Pastoraltheologe und Autor seine Regeln nicht auf die Institution der Kirche, sondern vielmehr geht es ihm um das Seelenheil jedes Christen. Genau das müsse mehr in den Fokus der sich neu findenden Pastoral gerückt werden. Hier die „geistlichen Leitsätze“ in Kurzform:

  1. Rette deine Seele!
  2. Tue deine Pflicht!
  3. Konzentriere dich auf das Mögliche!
  4. Sei zu allen freundlich, herzlich und anteilnehmend!
  5. Triff Entscheidungen… aber nach dem größten geistlichen Nutzen!
  6. Teile deine Zeit etwa je zu einem Drittel auf in Routine, Ressource und Reserve!
  7. Handle in allem als Diener Christi, nicht als Herr der Kirche!

Mögen sie zur aktiven „Immunisierung“ gegen Traurigkeit, Verbitterung, Schläfrigkeit usw. verhelfen!

Hier der Artikel zum Runterladen: 7 Regeln I  7 Regeln II

Veröffentlicht unter Artikel, Glaubensfragen | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Amüsante Randnotiz der Musikgeschichte

Man schreibt das Jahr 1717. Es sieht nach einem Kampf der Giganten aus. Dieser soll in Dresden an der Orgel ausgetragen werden. Der beste Tastenvirtuose Frankreichs wird gegen einen seinerzeit noch unbekannten Organisten aus Weimar antreten: Johann Sebastian Bach.
Ralf Günther versetzt den Leser in die höfische Zeit des 18. Jahrhunderts, in der sowohl in Paris am Hofe Ludwigs XIV. als auch an den Höfen Sachsens Musik und Ballett großgeschrieben wurden. Elegant verbindet der Schriftsteller aus Köln Wirklichkeit und Fiktion. Die Lektüre der Novelle ist ein Kunstgenuss besonderer Art. Denn nicht nur die Liebe zur Musik scheint zwischen den Zeilen hindurch, auch die vom christlichen Glauben durchdrungene Persönlichkeit Bachs und die große Erhabenheit seiner Werke werden dem aufmerksamen Leser nahegebracht.
Ohne die mitreißenden Erzählungen seines Freundes und Orgelvirtuosen Jan Kazschke über die historischen Hintergründe dieses aussergewöhnlichen Tastenduelles, wäre dieser Kurzroman jedoch nicht entstanden. Kazschke verrät im Nachwort was an Günthers Erzählung zur Geschichte der Musik gehört, und was literarische Ausschmückung ist…

Eine kleine Kostprobe von Bachs Musik:

Veröffentlicht unter Kultur, Musik, Roman | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Existentieller Exodus

Die Frage nach Gott wird in der Öffentlichkeit selten gestellt. Unter Kollegen und selbst innerhalb der Kirche scheint sie zu den Tabu-Themen zu gehören. Warum eigentlich ist es uns so peinlich über unseren Glauben zu sprechen?
Johannes Hartl, Theologie und Mitautor von Mission Manifest, geht dieser Tatsache auf den Grund und diagnostiziert unserer Gesellschaft einen erheblichen Realitätsverlust (S. 27). Dieser besteht darin, dass existentielle Themen wie Leiden, Tod, Moral, Ewigkeit und eben das eigene Verhältnis zu Gott nicht thematisiert werden. Den Hauptgrund sieht der Gründer des Augsburger Gebetshauses darin, dass der Mensch sich mit seinen Bedürfnissen am nächsten ist: „Unsere Zeit krankt an einem Kreisen des Menschen um sein Ego“ (S. 34). Auch die Kirchen hätten zu diesem Narzissmus kein Gegenprogramm parat.
Für Hartl ist die Frage nach Gott die allerwichtigste. Deshalb widmet er in seiner kritischen Bestandsaufnahme heutiger spiritueller Bedürfnislosigkeit Gott einen guten Teil seines Buches: Gott ist nicht nur allmächtig, heilig und ewig. Er ist ein Jemand, der „sich nicht nach Applaus sehnt, sondern nach Freunden“ (S. 88). Doch ist dieser Gott nicht über unsere von Leid, Kriegen und Atheismus geprägten Welt erhaben, er will uns nahe sein. Auch der Theodizee-Frage stellt sich Hartl mit einer Analyse der Buches Hiob. Dass Gott nicht „nett“ ist, haben andere Autoren auch geschrieben. Hartl ist noch radikaler was die Forderung an den Menschen angeht: Teilnahmslosigkeit, Desinteresse, Apathie… das sind keine adäquaten Antworten auf die Frage nach der Transzendenz, dem Jenseits, schließlich nach Gott.

Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten auf die Grundoption des Lebens zu reagieren, die meisterhaft Carlos Cardona beschrieben hat: Entweder man sagt Ja zu sich selbst oder eben zu Gott. Jeder Mensch trifft diese Entscheidung (wenn auch nicht immer durchweg konsequent…) zwischen Transzendenz und Immanenz. Bezeichnenderweise haben auch Edith Stein und Heidegger diese Frage in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen gestellt: So heißt das Hauptwerk Steins „Endliches und ewiges Sein“, während Heidegger sein zentrales Werk „Sein und Zeit“ nannte – zwei grundverschiedene Weisen die Existenz des Menschen zu konzipieren.

Worin besteht nun die adäquate Antwort auf die Frage nach Gott? In der Anbetung, so die zentrale Botschaft des Buches. Wenn sich jeder ehrlich danach fragte, für wen er im letzten lebe… für Leistung, Anerkennung, Macht… so sei er eigentlich nur wirklich zufrieden, wenn diese größte Sehnsucht des Herzens mit Gott gefüllt werde.

Hartl legt hier kein rein theoretisches Buch vor, sondern gibt mitunter auch praktische Tipps, wie die „kleine Übung“ (S.170), sich Gott durch Gebet mit den Psalmen zu nähern. Doch was er dem Leser wirklich ans Herz legen möchte ist, wirklich ernst zu machen: den existenziellen Exodus zu wagen, mit dem persönlichen Götzendienst zu brechen und sich beim Betreten des spirituellen Neulands von Gott überraschen zu lassen.

Johannes Hartl live:

Veröffentlicht unter Glaubensfragen, Sachbücher, Theologie | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Genügen Ethikstunden?

Die Frage zielt auf Form und Inhalte von heutigem Religionsunterricht an Schulen ab. Wer legt eigentlich die Inhalte dafür fest? Was darf in einer Prüfung im Fach Relgion abgefragt werden… etwa Glaubensinhalte, die doch stets etwas Subjektives an sich haben?
Diese und noch mehr tiefschürfende Fragen hat sich unlängst Jürgen Kaube gestellt. Als Journalist und Herausgeber der FAZ weiß er wie  zu diesem Thema in unserer Republik bestellt ist. Er plädiert für eine solide Wissensvermittlung im Fach Religion. Denn nur wer den Glauben kennt und hinterfragt, den er bekennt, ist in der Lage, dazu angemessen Stellung zu beziehen und Menschen anderer Konfessionen oder Religionen mit Offenheit zu begegnen.

Ein lesenswerter Denkanstoß zur aktuellen Herausforderung des schulischen Religionsunterrichts! >> hier pdf runterladen

Veröffentlicht unter Artikel, Glaubensfragen | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Urvertrauen und Bindung

Emotionale Stabililät, Belastbarkeit und Widerstandskraft werden einem Menschen nicht in die Wiege gelegt. Sie sind Frucht einer liebenden Zuwendung zum neugeborenen und heranwachsenden Kind vonseiten der Eltern. Die Qualität dieser Bindung hat notwendigerweise Auswirkungen auf die psycho-soziale Entwicklung eines Menschen.

Von Oktober 2018 bis Januar 2019 hat die Neufeld-Pädagogin Maria Elisabeth Schmidt eine Serie von Beiträgen in der Tagespost rund um das Thema „Bindung“ verfasst, die ich hier zur als zusammenhänge Lektüre präsentieren und empfehlen möchte:

I. Das Lebenselexier – Eine sichere Bindung schenkt Urvertrauen: Über den Menschen als Bindungsgeschöpf >> Bindung I pdf
II. Hauptaufgabe der Erziehung – Zwischen Loyalität, Zugehörigkeit und Eifersucht: Die Bindungswurzeln in den Jahren Drei bis Fünf >> Bindung II pdf
III. Bindungstanz das ganze Leben – Bindung ist ein wechselseitiges Beziehungsgeschehen zwischen„Alpha-Modus“undAbhängigkeit >> Bindung III pdf
IV. Tränen – Perlen der Seele – Warum Weinen wichtig ist für die Reifeentwicklung >> Bindung IV pdf
V. Aufmüpfig, trotzig oder Ungehorsam? – Wie der Gegenwille eines Kindes entsteht, was er ist und wozu er dient >> Bindung V pdf
VII. Ruhe für das Kind – Warum das Grundbedürfnis nach innerer Ruhe vor allem von den Eltern befriedigt wird >> Bindung VII pdf

Hier weitere Themen der Neufeld-Beraterin.

Veröffentlicht unter Erziehung, Lebensfragen | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar