Technologiefasten als Weg zum reifen Umgang mit Facebook

Bildschirmfoto 2014-08-12 um 18.32.32Moderne Kommunikationstechnologie kann den Menschen verarmen. Berühren, Riechen und Schmecken, drei der fünf Sinne werden durch Computer oder Smartphone nicht übertragen. Jonah Lynch war  in seiner Jugend selber ein „nerd“ und ist heute Rektor eines Priesterseminars in Rom. Er macht uns darauf aufmerksam, dass die moderne Technologie  trotz vielfältiger Geschenke den Menschen grundlegender Dinge berauben kann. Mit seinem Buch will er einen Dialog anstoßen und er glaubt, dass es dafür fast schon zu spät ist:
Ein Dialog zwischen Menschen, die die Revolution des Informationszeitalters miterlebt haben, aber sich auch noch an eine Welt davor erinnern, und jenen, die heute Lehrer, Professoren, Eltern und Priester sind: die Erzieher. In einem oder zwei Jahrzehnten wird es für eine ernst gemeinte Reflexion zu spät sein. Es wird sowohl die direkte Erfahrung einer Welt ohne Internet als auch die Klarheit in der Beurteilung fehlen. Man kann einen unvoreingenommenen Standpunkt nur dann einnehmen, wenn dieser sich noch nicht völlig innerhalb einer Lebenswirklichkeit befindet, die man gerade kritisieren möchte. Die „digital natives“, also jene, die im Internetzeitalter geboren wurden, werden nicht ihre eigenen Erzieher sein können. Es liegt an uns, ihren Eltern und großen Geschwistern, über die Tragweite der Erfindungen nachzudenken, die wir hervorgebracht haben und die einen wichtigen Einfluss auf alle Bereiche des menschlichen Lebens haben.“ (S. 8)

Lynchs kritische Reflexion über Fluch und Segen der neuen Kommunikationsmöglichkeiten begann im Priesterseminar: Seine Lesegewohnheiten der digitalen Welt übertrug er automatisch auf sein geistliches Leben. Stundenbuch und Bibel überflog er mehr als er sie las und darüber reflektierte. Ihm fehlte völlig die Fähigkeit zur Kontemplation. Was er zunächst an sich selber bemerkte, nahm der Autor später auch bei jüngeren Mitbrüdern wahr, denen er als Subregens vorstand. Hier begann seine mühevolle aber fruchtbare Bildungsarbeit, von der im Buch die Rede ist.
In drei Schritte gliedert Lynch seine Argumentation: zunächst wirft einen Blick auf die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die man nicht unbeachtet lassen kann. Ein wichtiger Gedanke ist dabei, dass unser Gehirn große Plastizität besitzt, also durch die Art und Weise, wie wir lesen, denken und fühlen ständig geformt und verändert wird. Er sagt: „Wir werden das, was wir sehen, denken, lesen und tun“ (S. 37). Hierbei drückt er zwischen den Zeilen seine Sorge aus, dass die durch die digitalen Medien verbreiteten neuen Gewohnheiten wie oberflächliches Lesen, Multitasking und weltweite Kontaktpflege über die sozialen Netzwerke sich negativ auf die Beziehungsfähigkeit zu Gott und zum Nächsten etwa in einer Gemeinschaft auswirken können und dies real schon tun (S. 41)

Im zweiten Schritt reflektiert Lynch über die anthropologischen Folgen der oft anonym gelebten Beziehungen bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Wer sich im Internet bewegt, tut dies vornehmlich auf „geistige Weise“ – eben weil Sinne wie der Takt, Geruch und Geschmack nicht angesprochen werden, spricht er von einer „Entmaterialisierung“ von Beziehungen. Pornographie stelle dabei eine Extremform dar, die seinen Recherchen zufolge jedoch bis zu 60 Prozent des Datenverkehrs und 2006 einen Umsatz von 97 Milliarden Dollar einbrachte.  Jonah Lynch

Lynch führt diese Form der Sucht auch auf veränderte Hirnstrukturen zurück und erwähnt, dass 2009 im römischen Gemelli-Krankenhaus eine öffentliche Klinik zur Heilung von Internetabhängigkeit eröffnet hat.Die Erfahrung als Leiter eines Priesterseminars fließt im dritten Schritt ein, bei dem er dem Leser die heilende Wirkung einer radikalen Rosskur vermittelt, die dort Neuankömmlingen zugemutet wird (S. 86). Die angehenden Geistlichen sollen die zunächst schmerzliche Erfahrung des „Technologie-Fastens“ machen, und dabei im ersten Studienjahr ohne ihr Smartphone und Notebook auskommen. Begleitet werden sie dabei mit Vorträgen und vielen persönlichen Gesprächsangeboten. Ziel dieser gewagten Anordnung ist es, die Seminaristen zu mehr innerer Freiheit und einem soliden Gebetsleben zu führen. Aber auch die menschlichen Beziehungen untereinander im Seminar zu fördern. Bisher haben alle positiv darauf reagiert und sind ihren Vorgesetzten für diese ungewöhnliche Maßnahme zu Beginn ihres Studiums sehr dankbar gewesen.

Lynch hat seine Gedanken auch in einem anderen Beitrag über „Technik und Neuevangelisierung“ zusammengefasst, die wie das kurze Buch lesenswert sind.

Interview zu Social Networks

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3 Antworten zu Technologiefasten als Weg zum reifen Umgang mit Facebook

  1. Marta Salazar schreibt:

    Hallo 🙂 Ich schlage andere Themen vor:
    1) in der offenen, breiten und bunten Welt des Internets unterwegs zu sein und sich nicht in parallelen Welten der schwarzen Ultrakonservativen oder sogar der Rechtspopulisten einzukapseln…
    2) Freundlichkeit, Respekt und Empathie. Zum Beispiel in den Foren (in Facebook, Blogs, usw.), keine einfache Disqualifizierung mit der Keule der „Gegner der political correctness“ derjenigen, die anders denken und ihre Meinung ausdrücken…
    2) a) nicht einfach Kommentare löschen, wie ich es leider oft erlebt habe…
    2) b) keine private (un)freundliche Nachrichten schicken, in dem manche Leute versuchen einen Maulkorb zu verpassen (auch erlebt)
    Diese sind akute und aktuelleThemen, die mir viel wichtiger erscheinen als bloß immer zu behaupten, dass Internet gefährlich sei… Die Gefahr ist aber menschengemacht…
    LG

    • Fuchs schreibt:

      Liebe Marta,

      danke für die Hinweise, die vielleicht andere auch zum verantwortlicheren Miteinander im Cyberspace anregen werden. Wenn Du das Buch gelesen hast… wirst Du feststellen, dass der Autor keineswegs das Internet verteufelt! Es geht ihm gerade nicht darum – vielmehr auf einige mögliche „Nebenwirkungen“ aufmerksam zu machen, die ich für sehr realistisch finde, weil ich sie tagtäglich im Umfeld junger Menschen wieder finde und mir ihretwegen Sorgen mache! Lg Bergund

  2. Pingback: Viele gute Vorsätze für 2016 … | EMPFEHLENSWERTE BÜCHER ARTIKEL FILME

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