Nicht auf Autopilot schalten, sondern Selbststeuerung üben

51VYv9yaDNL._SX311_BO1,204,203,200_Slogans wie „höre auf deinen Bauch, folge deinen Gefühlen, vertraue auf deine Impulse“ werden vielerorts verbreitet und praktiziert. Aber sind sie auch menschlich? Joachim Bauer plädiert in seinem neuen Sachbuch für die „Wiederentdeckung des freien Willen“. Der Mediziner, Psychotherapeut und Hirnforscher stellt hier den Begriff der Selbststeuerung in den Mittelpunkt. Wem es im Leben gelingt, seine Impulse zu kontrollieren, kleine Verzichte oder Opfer zugunsten längerfristiger Ziele zu bringen, ist objektiv glücklicher, belastbarer und hat eine bessere Gesundheit.
Nicht erst der heilige Paulus oder der Kirchenvater Augustinus wussten um die beiden im Menschen widerstrebenden Kräfte: einerseits die Leidenschaften, also die Neigung zur unmittelbaren Befriedigung unsere Triebe wie zur Nahrungsaufnahme, zum Schlaf oder zur Sexualität, und andererseits der Vernunft, deren Aufgabe u.a. in der „Steuerung“ dieser menschlichen Grundbedürfnisse liegt. Bauer lokalisiert anhand neuerer Erkenntnisse der Hirnforschung, die neurologischen Korrelate vernünftiger Einflussnahme auf die niederen Strebungen des Menschen. Es sind dies der Präfrontale Cortex im Stirnhirn und das im Mittelhirn lokalisierbare Basissystem, das für triebhafte, spontan und überwiegend automatisch ablaufende Verhaltensweisen steht.
Das delikate Wechselspiel dieser zentralen Instanzen gehört zur Grundausstattung jedes Menschen, funktioniert aber nicht automatisch, sondern muss durch einen langwierigen Erziehungsprozess etabliert werden. Bauer geht ausführlich auf die frühkindliche Erziehung ein und hebt die enorme Wichtigkeit stabiler personaler Beziehungen hervor, ohne die eine Selbstkontrolle (im Sinne von Selbstbeherrschung) nur schwer gelingen kann. Auch sei das Vorbild verlässlicher Eltern und Erzieher hierbei entscheidend. Kinder mit Übergewicht, schlechten Schulnoten und mangelndem Bewegungsdrang verdankten ihre fehlende Selbstkontrolle oft falscher oder überhaupt fehlenden Fürsorge und Erziehung. Sie leiden oft an einer lebenslangen Schwäche, sich selbst zu steuern. „Was wir unseren Kindern und Jugendlichen heute beibringen müssen, (…): Konzentration, planvolles Handeln, Selbstkontrolle und soziale Kompetenz. Was unseren Kindern fehlt, sind Erwachsene – vor allem Väter -, welche die erforderliche Zeit aufbringen, um sie beim Erwerb dieser Kompetenzen anzuleiten“ (S. 55).

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Ein weiteres Anliegen des Buches ist, das Potential der Selbststeuerung im Hinblick auf Selbstheilungsprozesse für die Schulmedizin attraktiv zu machen. Gerade bei schweren Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt oder Multiple Sklerose würde sehr viel von der inneren Einstellung der Patienten abhängen, von ihrer Bereitschaft, Verhaltensänderungen in ihren Alltag zu integrieren, die ihre natürliche Abwehr und das Herz-Kreislauf-System stärken würden. Oft gebe es im Klinikalltag keine Zeit, auf die psychische Situation des Patienten einzugehen. Dies habe oft fatale Folgen, wie Studien zeigten. Bei Patienten, denen man explizit geringe Heilungschancen mitgeteilt habe, wirken die besten Therapien nur mäßig. Im Gegensatz hierzu kann eine den Patienten motivierende aufbauende Haltung des Arztes auch bei fatalen Diagnosen sogar Besserung allein durch Placebo-Maßnahmen bewirken. Bauer’s These: Für den Menschen ist der andere Mensch das stärkste Medikament.
Ein hilfreiches Sachbuch nicht nur für Eltern und Lehrer, die hier Rückendeckung für manche Erziehungsmaßnahmen des No Go finden mögen. Auch Ärzte können viele Anregungen für ein gelingendes Arzt-Patienten-Verhältnis finden und vor allem für eine verbesserte Compliance bei Therapien. Eher philosophisch interessierte Leser mögen in Bauers Buch eine attraktive Begrifflichkeit finden, um etwa die Tugendlehre mit Erkenntnissen der Neurobiologie zu bereichern.

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