Kritik am neuromolekularen Blick

41Ahq3781EL._SX327_BO1,204,203,200_Alle machen Hirnforschung: Neuro-Philosophie, Neuro-Soziologie, Neuro-Theologie, Neuro-Ökonomie, Neuro-Kriminologie, Neuro-Anthropologie, Neuro-X. Das Gehirn ist zum Maß aller Dinge avanciert. Aus unserer Persönlichkeit wird Gehirnlichkeit, das Sosein mutiert zur brainhood, anstelle der Person handelt jetzt das Gehirn für uns. Der seelenlose homo cerebralis ist erschaffen. Ist unsere Persönlichkeit wirklich nur die Summe chemischer und physikalischer Prozesse unseres Gehirns? Sind wir noch zu retten?
Felix Hasler  von der Berlin School of Mind and Brain hat sich erdreistet an der Deutungshoheit der Hirnforschung zu zweifeln. In seinem Buch hinterfragt er die Versprechungen von elf führenden Neurowissenschaftlern, die 2004 mit einem euphorischen Manifest über die baldigen Errungenschaften der Hirnforschung an die Öffentlichkeit gingen.
Hasler ist Pharmakologie und vergleicht die heutige Hirnforschung mit dem bereits abgeschlossenen Humangenomprojekt der 1990er Jahre. Durch die Entschlüsselung des gesamten Erbguts des Menschen hoffte man, die genetischen Grundlagen und gentherapeutische Ansätze für Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch zystische Fibrose zu bekommen. Darauf wartet leider bis heute die Menschheit. Im Zeitalter der „Postgenomik“ (S.31) versteht man heute leider die biologische Bedeutung des genetischen Codes immer noch nur ansatzweise. Die Regulation der Gene ist weitaus komplexer und komplizierter als man vor 10-15 Jahren dachte.
Scharfe Kritik übt der Autor am großen Einfluss der Pharmaindustrie. Er spricht von einer „Biologisierung der Psyche“ und meint damit, dass wenn die Psyche krank ist, das Gehirn als krank erklärt werde und dann auf chemischem Wege geheilt werden müsse. Vor allem was das Krankheitsbild der Depression anbetrifft, ist Hasler der Meinung, dass der enorme Anstieg der Fallzahlen – Depressionen könnten 2020 die zweithäufigste Krankheit sein – auch mit der aggressiven Werbung der Pharmaunternehmen für ihre Antidepressiva zusammenhängen könne (vgl. S. 159). Es erstaunt ihn, dass trotz immenser Fortschritte im biologischen Verständnis psychischer Krankheiten und passgenauer Psychopharmaka die Krankheitszahlen nicht rückläufig sind. Hasler fragt sich, ob es hier nicht einen „Fehler im System“ gebe.
Eine lesenswerte Ent-Mythologisierung der Neuromanie, die heute vor allem der Pharmaindustrie ein lukratives Tätigkeitsfeld bietet.

Felix Hasler über seine Streitschrift:

Nachtrag: Auch die moderne „Philosophie des Geistes“ hält nicht mehr, was sie verspricht… mehr dazu von Alexander Riebel in seinem Beitrag in der Tagespost
pdf Flucht ins Mentale Tagespost

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