Kreative Minderheiten als Wegweiser für die Zukunft

Wiederholt hatte sich Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., in den letzten Jahrzehnten zum Thema Europas geäußert: Zu seinen geistigen Quellen, zur Lage des Glaubens, der Kirche und Politik, zur Krise der europäischen Kultur… nicht zuletzt zur Idee Europas, die er als verpflichtendes Erbe für die Christen ansieht. Das Christentum sei für die Seele Europas und der modernen Welt unverzichtbar:

Arnold Toynbee

Arnold Toynbee

„Arnold Toynbee hat gesagt, dass das Schicksal einer Gesellschaft immer wieder von schöpferischen Minderheiten abhängt. Die gläubigen Christen sollten sich als eine solche schöpferische Minderheit verstehen. Sie sollten dazu beitragen, dass Europa das Beste seines Erbes neu gewinnt und damit der ganzen Menschheit dient“, so Ratzinger 2004 noch als Präfekt der Glaubenskongregation.
Der Begriff der creative minorities wurde ursprünglich vom englischen Historiker Arnold Toynbee geprägt und in jüngster Zeit von geistigen Autoritäten unserer Zeit wie dem jüdischen Gelehrten Rabbi Sacks und schließlich Josepf Ratzinger aufgegriffen.
Toynbee untersuchte in seinem umfangreichen Werk Der Gang der Weltgeschichte 26 Zivilisationen und Hochkulturen, die seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. entstanden sind. Während andere bekannte Philosophen wie Hegel, Comte oder Marx versuchten, den Verlauf der Weltgeschichte auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, etwa darin einen geradlinigen Fortschrittsprozess zu sehen, hat Toynbee eine andere Geschichtsinterpretation gewagt:
Als gläubiger Christ war Toynbee davon überzeugt, dass der Gang der Geschichte doch wesentlich vom christlichen Gott mitbestimmt werde. Der Mensch handele zwar frei, sei aber immer auch Werkzeug in Gottes Händen. Toynbee scheute sich nicht, an Wunder zu glauben: etwa an die Wiederauferstehung des Christentums. Er war der Auffassung, dass weder der gottfremde russische Kommunismus noch der amerikanische Kapitalismus die Menschheit würden retten können. Auch die rein materielle Basis der Gesellschaft, Technik, Wirtschaft und Wissenschaft könnten nichts Wesentliches zum Fortschritt beitragen (wohl zum technischen, wissenschaftlichen… – aber nicht vor dem Untergang bewahren). Echter Fortschritt sei nur im geistigen Bereich zu finden, also in Literatur, Kunst, Philosophie und vor allem in der Religion. Die bewegende Kraft innerhalb einer Zivilisation sah Toynbee in Anlehnung an Henri Bergsons élan vital in sogenannten kreativen Minderheiten, die ihrerseits die breite Masse mitzuziehen vermöchten. Toynbee wurde wegen dieser deutlich christlich gefärbten Geschichtsinterpretation vielfach kritisiert und als Idealist der Weltgeschichte. Dennoch hat er ein beeindruckenden Überblick über die Weltgeschichte geliefert und gewisse Prophezeiungen gewagt, die den als Christen Hoffnung geben können.
Rabbi Sacks ist für Juden eine große intellektuelle wie moralische Autorität. Sacks setzt sich wie Ratzinger auch, sehr ausführlich mit dem Begriff der kreativen Minderheit auseinander. Er tut dies 2013 in seiner „Erasmus-Lecture“ im Hinblick auf das jüdische Volk, das seit Jahrtausenden eine solche Minderheit bildet und zeigt an ihm auf, wie auch die Christen als Minderheit gemeinsam mit den Juden sich für die „Rettung“ des Westen, Europas einsetzen könnten. rel_pope-jonathan-sacks_reut_121311-584_539_332_c1In seinem ersten Gesprächsband mit Peter Seewald „Salz der Erde“ prophezeit Ratzinger, dass „auch die Kirche andere Formen annehmen wird… Sie wird weniger mit Großgesellschaften identisch sein, mehr Minderheitenkirche sein, in kleinen lebendigen Kreisen von wirklich Überzeugten und Glaubenden und daraus Handelnden leben. Aber gerade dadurch wird sie, biblisch gesprochen, zum ‚Salz der Erde’.“ (S. 236)
Auch im Lehramt des jetzigen Papstes Franziskus ist dieser Gedanke vor allem in seinem apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium gegenwärtig: „Der Zeit Vorrang zu geben bedeutet sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen. (…)  Es geht darum, Handlungen zu fördern, die eine neue Dynamik in der Gesellschaft erzeugen und Menschen sowie Gruppen einbeziehen, welche diese vorantreiben, auf dass sie bei wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringt. Dies geschehe ohne Ängstlichkeit, sondern mit klaren Überzeugungen und mit Entschlossenheit“ (EG 223).

Unsere Welt braucht sichtbare Zeugen der sie tragenden Werte – es hilft wenig, diese Werte in Grundrechte-Katalogen wie dem Grundgesetz, den 10 Geboten, in Corporate Identities oder Unternehmensphilosophien festzulegen. Sie müssen von irgendjemand auch gelebt werden: vor allem von Eltern und Lehrern, von Vorgesetzten, dem „Führungspersonal“ in Kirche und Welt… damit die jüngere Generation daran Maß nehmen kann. Unsere Gesellschaft braucht wieder „Vorbilder zum Anfassen“ – in Einzelpersonen wie in kleinen Gruppen, Bewegungen… – die bereit sind, gegen den Strom zu schwimmen.
Was zeichnet nun diese kreativen Minderheiten aus – einzeln oder als Gruppe? Menschen, die mitreißend sind, weil sie vom christlichen Geist durchdrungen sind; starke Frauen und Männer – Leader-Typen, die in ihrer Umgebung den Ton angeben, weil sie sich auf die jeweilige Situation einlassen, mit ihr auseinander setzen. Sie sollten vom

  1. Bewusstsein ihrer christlichen Identität durchdrungen sein
  2. treu zu den eigenen Überzeugungen stehen und
  3. christliche Grundhaltungen – Tugenden – Geduld, Ausdauer, Tapferkeit, Maß sichtbar praktizieren.

Wen diese Thematik näher interessiert, sei dazu eingeladen, den von mir verfassten Vortrag hierzu in ausführlicher Form nachzulesen und sich davon inspirieren zu lassen:

Vortrag Kreative Minderheiten pdf

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