Souveränes Christsein im aufreibenden Alltag

06726-6_Boehme_Madeleine Debrel_Final_high.indd„Immer mehr Menschen werden aufmerksam für das Leben Madeleine Debrêls (1904-1964), einer der faszinierendsten Frauen und Christinnen unserer Zeit. Aus bürgerlichem Haus stammend, wandte sie die außergewöhnlich begabte Jugendliche dem philosophischen Atheismus zu; als junge Frau ‚explodierte das Evangelium’ in ihr: doch ihr Weg führt nicht ins Kloster, sondern mitten in den sozialen Brennpunkt eines Arbeitviertels“. Mit diesen Sätzen leitet Katja Boehme ihr lesenswertes Lebensbild Madeleine Debrêls ein.
Die gebürtige Französin lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Zeit, die sich von der ursprünglich christlichen Prägung immer weiter entfernte. Man war der Auffassung, dass der christliche Glaube in einer zunehmend säkularisierten und technisierten Welt keinen Platz mehr habe. Als Atheistin hatte sie klar erkannt, dass wenn es keinen Gott gäbe, das Leben zu einer „gänzlich unbeantworteten Frage“ würde. Wenn Gott geleugnet wird, dann wäre ewiges Leben, Liebe, Glück und auch der Einsatz für eine bessere Welt sinnlos.
Während ihres Studiums an der Sorbonne begegnete sie einer Gruppe überzeugter Katholiken, denen Gott in ihrem Alltag wichtig war. Dies machte sie nachdenklich und ließ sie ihre radikale atheistische Einstellung hinterfragen. Angestoßen durch eine tiefe Gotteserfahrung 1924 bekehrte sie sich vom intellektuellen Atheismus und begann langsam im katholischen Glauben heimisch zu werden. Das Studium der Kirchenväter und der seinerzeit vorherrschenden neothomistischen Literatur bestärkte sie auf ihrem neuen Weg.

kna_67698_480_02Dieser Weg der beständigen Gottesnähe führte sie jedoch nicht in den Ordensstand. Sondern, da sie sich um ihre kranken Eltern kümmern musste, beschloss sie mitten in der Welt wie in einem Orden die evangelischen Räte zu leben. Sie engagierte sich in ihrer Pfarrei und lebte viele Jahre in einem „sozialen Brennpunkt“ einer Pariser Vorstadt, wo sie sich der Katechese und dem Sozialdienst für die dort lebenden Arbeiterfamilien widmete.
Zusammen mit gleichgesinnten Frauen gründete sie eine Hausgemeinschaft, die „Charité“, die jeweils in der Krankenpflege oder der Armenhilfe arbeitete. Dies war ein überaus mutiger Schritt, denn in den 30 Jahren des 20. Jahrhunderts war ein derartiger Zusammenschluss von christgläubigen Laien recht ungewöhnlich. Debrêl war der Überzeugung, dass allein die Taufberufung ausreiche, sich für ein Leben der Christusnachfolge beauftragt zu fühlen. Damit war sie, ebenso wie der heilige Josefmaria, der Gründer des Opus Dei, eine Vorläuferin der im II. Vatikanischen Konzil feierlich verkündeten Lehre über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit aller getauften Christen (vgl. Lumen Gentium Nr. 33).
„Alle Straßen sind uns begehbar, in jeder Untergrundbahn kann man sitzen, alle Treppen steigen, den Herrn überallhin tragen“. Madeleine Debrêl lebte diese enge Gottesbeziehung im Alltag. Ihrer Meinung nach, braucht man, um Gott zu finden, der Welt nicht den Rücken zu kehren. Diese Weltverbundenheit hat sie Gott in der Tat sehr nahe gebracht. Auch wenn der Untertitel der kurzweilig geschriebenen Biographie „Die andere Heilige“ lautet, ist sie noch nicht kanonisiert. Sie ist jedoch auf dem Weg dorthin. Der Seligsprechungsprozess der Mystikerin und Sozialarbeiterin wurde 1993 eingeleitet.

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