Plädoyer für eine Ethik der Besonnenheit

51vztu0jrdlEthik und Medizin kümmern sich um den Menschen im Hinblick auf ein gelingendes Leben. Doch was versteht man unter einem guten Leben oder auch guten Tod? Das Lehrbuch des Freiburger Medizinethikers, Prof. Giovanni Maio, befasst sich mit den Grundfragen des Menschseins. Ohne diese gründlich zu hinterfragen, ist seiner Meinung nach keine angemessene Auseinandersetzung mit Grenzsituationen wie die Geburt, Krankheit und Tod möglich. Maio ist ein Medizinethiker, der manche Entwicklungen in der Medizin, vor allem die heutige Tendenz zur „wunscherfüllenden Medizin“ eher kritisch sieht. Vor allem die damit einhergehende „Umdefinierung des Patienten“ zu Kunden (vgl. S. 67).

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Darstellung der philosophischen Grundbegriffe einer Medizinethik. Besonders hilfreich scheint mir die knappe wie sehr differenzierte Betrachtung der Tugendethiken. Aus den so unterschiedlichen ethischen Ansätzen gelingt es Maio jeweils die für die heutige Medizinethik hilfreichen Gedanken anhand konkreter Anwendungsbeispiele herauszuarbeiten. Der Hauptteil des Ethik-Bestsellers ist der „Ethik in der Begegnung von Arzt und Patient“ und den vielen Spezialthemen gewidmet. Die bei der jeweiligen Erörterung eingeschobenen Patientengeschichten werden eingehend kommentiert und mit einem Fazit abgerundet.
maioBei allen Themenbereichen erhält der Leser fundierte und tief reflektierte Diskussionsgrundlagen für eine eigenständige weitere Auseinandersetzung. Die Ethik der Reproduktionsmedizin oder aber die Ethik am Lebensende sind Themen, wo Maio alternative Denkwege vorschlägt. So erlaubt er sich im Hinblick auf eine Gesellschaft, die zunehmend bewusst kinderlos lebt, die Frage zu stellen, ob denn nicht Praktiken zur Kinderwunscherfüllung aus der Medizin herausgenommen werden sollten und eher in den Bereich der Lifestyle-Methoden einzuordnen wären. Sein Eintreten für die Tugend der Gelassenheit beim Umgang mit dem Tod und die Notwendigkeit einer Kultur der Angewiesenheit weiten den Horizont im Hinblick auf die existentielle Grunderfahrung des Menschen, sterben zu müssen.
Alles in allem ein ausgezeichnetes Buch für Studierende, Ärzte und in diesem Bereich Lehrende.

Giovanni Maio über eine Medizin der Maßhaltung:

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