War Luther katholisch?

9783506782380Diese Frage lässt sich nicht in wenigen Sätzen beantworten und beschäftigt die Lutherforschung seit vielen Jahren. Die Theologin Daniela Blum beabsichtigt auch nicht, diese Frage abschließend zu klären, um etwa das von Joseph Lortz geprägte katholische Lutherbild des 20. Jahrhunderts zu festigen.
Blum legt eine Lutherbiographie vor, die aus Begegnungen mit der spätmittelalterlichen Theologen entspringt und sich in die Gegenwart erstreckt. Sie gliedert ihre Nachforschungen in drei Teile: zunächst stehen Luthers Mentoren, seine geistigen Ratgeber wie etwa Staupitz und Tauler im Mittelpunkt der Analyse. Daraufhin kommen diejenigen Theologen zu Wort, die im Auftrag Roms seine Thesen und Schriften zu prüfen und die Anklage gegen Luther verfassen sollten. Schließlich werden katholische Theologen nach Luther vorgestellt, die maßgeblich die Lutherforschung bis in unsere Zeit geprägt haben. Die Autorin stellt die ausgewählten „Gesprächspartner“ Luthers kurz vor und arbeitet dann die jeweils bestimmende Fragestellung im Hinblick auf Luthers Thesen und existenzielle Erfahrungen heraus. So erhält der Leser im Laufe des Buches einen Überblick über die zentralen Aspekte des Glaubens, die für Luther nicht mehr mit der von ihm erfahrenen katholischen Kirche des 16. Jahrhunderts tragbar waren. Sie seien kurz erwähnt:

  1. Wie kann der Mensch in den Himmel kommen? Es ist die zentrale Frage nach der Rechtfertigung. Thomas v. Aquin traute dem Menschen noch mehr zu als Luther: Natur und Gnade wirken gemeinsam an der Rechtfertigung mit; das Handeln des Menschen ist für sein Heil relevant. Luther sieht dies anders: Durch die Taufe wird die Erbsünde nicht getilgt, nur „zugedeckt“. Der Mensch bleibt zeit Lebens Sünder, kann aber keine Rechtfertigung mehr im Beichtstuhl finden, sondern nur im Abendmahl. Luther bricht radikal mit der Sakramententheologie und Frömmigkeitspraxis der Kirche, im Grunde bleiben nur zwei Sakramente, die Taufe und das Abendmahl, für ihn bestehen.
  2. Allgemeines Priestertum aller Christen: Luther hebt den Unterschied zwischen Klerus und Laien auf unter Berufung auf die paulinische Lehre vom Leib Christi. Damit bestreitet er das päpstliche Auslegemonopol der Bibel, überhaupt die Autorität des Papstes (den er in späten Schriften nach seiner Exkommunikation auch als „Antichristen“ bezeichnet).

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Ein spannendes Werk, das dem Leser einen differenzierten wir lehrreichen Einblick in die scholastische Theologie und das Ringen um die Wahrheit über das Verhältnis von Natur und Gnade, die Sakramentenlehre, die Autorität des Papstes und überhaupt des kirchlichen Lehramts gibt. Das handliche und ansprechend aufgemachte Taschenbuch ist jedoch keine „Unterwegslektüre“, sondern ein Studienbuch, das sorgfältig umfangreiches Quellenmaterial verarbeitet und viele Originalzitate dem Leser nahe bringt und zur persönlichen Stellungnahme auffordert. Ob nun Luther katholisch war… Diese Frage muss letztlich offen bleiben. Die Tübinger Kirchenhistorikerin maßt sich kein letztes Wort über Luther an. Seine Person und seine Werke seien ambivalent und böten damals wie heute eine offene Projektionsfläche für weitere theologische Studien. Je nachdem, welche biographische Epoche, welche Schriften oder welche (politische) Konstellation aus dem Leben Luthers betrachtet würden, kämen die bisherigen Lutherstudien zu ganz unterschiedlichen Einschätzungen. Keine Zeit kenne nur eine Luther-Deutung. Blum tendiert zur Aussage, dass die Reformation ein „Wittenberger Gruppenphänomen“ gewesen sei, das zunächst nur „Anregungen zur Reform“ geben und nicht primär eine Kritik an Kirche und Papst sein wollte.

Die Autorin wurde 2016 mit dem Nachwuchswissenschaftlerpreis der evangelischen Fakultät der Universität Tübingen ausgezeichnet.

Leseprobe des Verlages

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