Das paradoxe Wesen des Christentums

Dass das Christentum eine Krise durchlebt, merkt man nicht nur in traditionell katholischen oder christlichen Ländern. Auch in Ländern, die von der Fessel des Kommunismus befreit wurden, schwindet die Überzeugungskraft religiöser Institutionen, ist das Seelenleben der Christen in Gefahr. Darauf weist auf intellektuell anspruchsvolle Weise der tschechische Soziologe, Religionsphilosoph und katholischer Priester, Tomás Halík, hin.
Diese tiefen Reflexionen über Fragen des Glaubens unserer Zeit hat der Verfasser während der Sommermonate 2005 in einer Einsiedelei im Rhein-Main-Gebiet niedergeschrieben. Dabei hebt er immer wieder hervor, wie sehr ihm die Gegenwart des Allerheiligsten in der Monstranz half, bei der Sammlung der Gedanken zum Wesentlichen zu kommen. Aus der Anbetung heraus bearbeitet er die einzelnen Kapitel des Buches. Er lädt den Leser ein, mit ihm die Spannung der Paradoxie des Christlichen auszuhalten, mal ist Gott einem Menschen nahe im stillen Gebet, mal der ganz Andere, der sich scheinbar vor unseren Problemen verbirgt. Weiter vermittelt er die Grundgedanken für ihn prägender Theologen des letzten Jahrhunderts, Teilhard der Chardins, Karl Rahners oder Nicholas Lashs. Letzteren hat Halík öfter in Cambridge besucht und über eine längere Begegnung mit dem einzigen katholischen Theologen dieser englischen Eliteuni berichtet er ausführlich im Kapitel „Ein Karnickel“ spielt Geige. Oft hat er Menschen auf dem Weg in die Kirche begleitet oder auch „Rückkehrer“ willkommen geheißen. Die Seiten von „Hierher, dorthin und wieder zurück“ können für die pastorale Arbeit sehr nützlich sein, denn es ist nicht leicht jeweils die Situation und die spirituellen Bedürfnisse dieser Menschen einzuschätzen.
Bisher sind nur drei seiner Bücher ins Deutsche übersetzt. Dieses 2017 als Taschenbuch erschienen Werk will keine Handreichung für Beichtväter, schon gar nicht für Beichkinder sein… Denn hier wird mit dem Abstand von Ort und Zeit eine Zusammenschau der Sorgen und Nöte vieler Menschen reflektiert, die sich in Glaubensfragen und anderen Nöten an den Autor wandten. Auch mehr als zehn Jahre nach Erscheinen des Buches auf Tschechisch sind diese Gedanken auch für das restliche Europa immer noch aktuell. Während Rod Dreher unlängst seine Vision eines künftigen Christentums für Nordamerika verfasste, stehen die Ausführungen Haliks für die Länder Europas, die jahrelang unter der atheistischen Herrschaft des Kommunismus litten und dies weiterhin tun.
Und: hat Halík ein „Rezept“ für die Rettung der Kirche? Er schreibt: „Ich bin überzeugt davon, dass sie weder von rechts noch von links kommen wird, auch nicht aus der Vergangenheit, falls wir die Absicht hätten, in diese Richtung davonzulaufen; sie wird jedoch auch nicht aus der Zukunftssicht gewonnen, wenn wir diese entsprechend unseren Vorstellungen vorausplanen wollten; sie wird auch nicht ,von oben‘ im Sinne eines deus ex machina geschehen können, denn die positive Veränderung kann einzig und allein aus der Tiefe entspringen, aus einer tiefreichenden theologischen und spirituellen Erneuerung (S. 189).
Eine anregende Lektüre  – vielleicht für einen ruhigen Urlaubstag…

Hier für Interessierte ein Interview mit dem Autor von 2013

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