Im seelischen Ausnahmezustand …

… befand sich Sigrid Grabner, als sie kurz nach dem Mauerfall als freier Mensch in Rom weilen durfte. Eine Stadt, die ihr fast zur zweiten Heimat werden sollte, denn immer wieder ist sie dort gewesen, um für ihre Bücher zu recherchieren, oder um „katholische Luft“ zu schnappen.
Im zweiten Teil ihrer Autobiographie verarbeitet Grabner die intensiv erlebte Zeit in Potsdam nach der Wende. Sie schildert den für die Menschen im Osten Deutschlands nicht einfachen Weg in gelebte Freiheit und Freizügigkeit. Ihre Mitarbeit in der Projektgruppe zur Tausendjahrfeier Potsdams brachte sie schnell auf den Boden der Realität. Ansichten zur Geschichte, Wahrheit der Dinge und überhaupt die Mentalität ihrer westdeutschen Kollegen ließen sie nicht selten am Sinn ihrer Existenz zweifeln. Wäre sie nicht schon zu DDR-Zeiten gläubige Katholikin gewesen, das Leben wäre ihr als Witwe und Mutter erwachsener Kinder noch schwerer gefallen.
Ihrer Neigung zur Schriftstellerei konnte sie nach der Tausendjahrfeier durch die Arbeit im Literaturbüro wieder pflegen und mit einigen Büchern krönen. Das Literaturbüro hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Schriftsteller bekannt zu machen, die sich für die Bewältigung und Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit verdient gemacht haben. Hierbei konnte sie vielen Persönlichkeiten wie Joachim Fest oder Imre Kertesz begegnen. Doch immer wieder zieht es sie nach Rom, es sind die Pontifikate vom heiligen Johannes Paul II. und Benedikt XVI., die sie spirituell mehr als erfüllen und in ihrem Glauben bestärken. Frucht dieser Aufenthalte, auch als Ehrengast in der Villa Massimo, ist u.a. das Buch über Gegor den Großen. Über dieses Buch schreibt sie:
„Ich litt unter den Vorwürfen und der offenen Feindschaft, die dem ersten deutschen Papst seit einem halben Jahrtausend vor allem aus Deutschland und der hiesigen Kirche entgegenschlugen. Und immer dachte ich dabei an Gregor. So wurde dieses Buch, das 2009 erschien, auch eine Hommage an den deutschen Papst.“ (S. 329)

Die Biographie lebt von intensiven Tagebuchaufzeichnungen der Autorin und ihrer Gabe, Ereignisse mit klarem Verstand und Sinn für Wahrhaftigkeit zu reflektieren. Eine sehr persönliche Darstellung der Zeit nach der Wende aus der Perspektive einer klugen Frau, die reif an Lebenserfahrung einen Sensus für das wertvolle in menschlichen Beziehungen erlangt hat. Ihr Buch fasst einen wichtigen Abschnitt jüngster deutscher Geschichte zusammen, erlebt in der ersten Person. Sehr lesenswert und menschlich bereichernd!

Hier ein Interview mit der Autorin zum Erscheinen des neuen Buches.

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