Therapeut mit gesundem Menschenverstand

Otto Kernberg blickt auf mehr als 65 Berufsjahre als Psychotherapeut zurück. Der aus Wien stammende Narzismus-Experte emigrierte mit 10 Jahren nach Chile und später als bereits ausgebildeter Psychiater nach New York. Dort lebt und arbeitet der mittlerweile 92 Jährige weiterhin als Therapeut und vor allem in der Supervision jüngerer Kollegen.
Manfred Lütz hat den rüstigen Wissenschaftler in New York besucht und mit ihm viele Stunden diskutiert, aber vor allem zugehört. Das daraus entstandene Buch ist die Bilanz eines ereignisreichen und äußert fruchtbaren Lebens. Der geistreiche Austausch zweier hochkarätiger Psychotherapeuten über den Sinn und manchmal Unsinn von Psychotherapie ist kurzweilig und äußerst informativ. Bei allen Themen kommt immer wieder der gesunde Menschenverstand des so erfahreren Analytikers zum Vorschein. So findet er es ziemlich normal, dass ein Mensch im Zuge einer beruflichen oder privaten Niederlage ein Tief durchmacht oder leichte Depressionen bekommt. „Es ist ganz normal, dass Sie so reagieren, geradezu unvermeidlich, Sie brauchen keine Therapie.“ Vielmehr rät Kernberg Menschen in derartigen Situationen, dies zunächst mit einem Freund zu besprechen… (S. 30).
Die Psychotherapie hat auch manche Irrwege durchlaufen. Ausführlich sprechen beide über die hohe Anzahl von Missbrauchsfällen unter Psychoanalytikern und wie Kernberg innerhalb der Fachgesellschaft versucht, diese aufzuarbeiten.
Kernberg gibt sich als weiser aber nicht bevormundender Gesprächspartner. Er hat die Größe auch eigene Schwächen nicht zu verbergen, etwa dass er als kleines Kind eine massive Essstörung hatte, die nur durch längere Psychotherapie behoben werden konnte. Oder wie er auf den Rat eines befreundeten Kollegen hörte, der ihm riet, nach dem Tod seiner Frau sich über ein Jahr lang therapeutich begleiten zu lassen.
Während sich der erste Teil des Buches der Psychotherapie widmet, erfährt der Leser im zweiten Teil wie der Jude Kernberg mit seinen Eltern vor den Nazis fliehen musste und nach Chile emigriete. Kernbergs Eltern waren nie mehr in der Lage, nach Österreich zurückkehren. Otto Kernberg dagegen war öfter in seine Heimat gereist und scheint mit ihr versöhnt.
Ein lesenswertes Buch, das sicher nicht nur Fachkollegen fesseln und bereichern kann.

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